Parasitismus (H. Bannwarth)


Das Interesse an Pflanzengallen führt zu einem neuen biologischen Verständnis: Das Füreinander schließt den Parasitismus aus.

Was soll die Biologie lehren: Jeder gegen jeden, der Kampf ums Dasein ein unumgängliches Naturgesetz? Oder ist es besser zu lehren: „Miteinander ist oft besser als gegeneinander“?

Das Gegeneinander zeigt sich in der Natur besonders im weit verbreiteten Parasitismus. Zu den Parasiten gehören Krankheitserreger wie Viren, Bakterien, Pilze auf Pflanzen, Tieren und Menschen, dazu Einzeller (etwa der Erreger der Malaria, der zu der Gattung Plasmodium gehört), bestimmte Pflanzen (z.B. die Sommerwurz) und Tiere (Läuse, Flöhe, Milben, Zecken, Bandwürmer und Spulwürmer).

Unter Parasitismus versteht man gewöhnlich die einseitige Ausnutzung zum Nutzen des einen und zum Schaden des anderen. Man spricht in diesem Fall auch von Schmarotzertum. Charakteristisch für den Parasitismus ist, dass die biologischen Wirkungen gegeneinander gerichtet sind. Das nennt man Antibiose. Pflanzen, Tiere und Menschen werden als Wirte von Parasiten geschädigt und setzten umgekehrt alles daran, den Parasiten abzuwehren. Zwischen Parasit und Wirt besteht demnach so etwas wie Feindschaft in dem Sinne, dass beide einander bekämpfen.

Nach Darwins Lehre vom Kampf ums Dasein entscheidet diese Auseinandersetzung zwischen Parasit und Wirt darüber, wer überlebt. Behält der Wirt die Oberhand und ist in seinen Aktionen erfolgreich gegen den Parasiten, bleibt er gesund. Geht aber der Parasit in diesem Kampf als Sieger hervor, kann dies das Ende der Existenz des Wirtes bedeuten.

Der Parasit ist vom Wirt abhängig, denn er ernährt sich von dessen Stoffwechselprodukten. Die Abhängigkeit ist also eine stoffwechsel-physiologische. In der Regel erleidet der Wirt Nachteile, Schwächung, Vitalitätsverluste, Erkrankung oder sonstige Beeinträchtigungen, wird aber nicht getötet. Dennoch sind die biologischen Wirkungen von Wirt und Parasit in beiden Richtungen negativ.

In der Natur gibt es aber auch das Gegenteil. Etwas ganz anders als Parasitismus ist die Wechselbeziehung zwischen Organismen, die wir Symbiose nennen. Bei diesem Zusammenleben haben beide Seiten Vorteile. Es gibt viele Übergänge zwischen Parasitismus und Symbiose.

Besonders interessant sind solche Fälle, die man bisher als Parasitismus verstanden hat, aber heute aufgrund einer anderen Sicht und eines sich geänderten biologischen Verständnisses eher als eine Kooperation, als ein Miteinander und nicht als ein Gegeneinander der Organismen verstehen sollte. Das ist zweifellos bei den interessanten, formenreichen und oft schönen Pflanzengallen (Bild) der Fall, die den Wirt nicht schädigen, demnach auch keine Parasiten darstellen.

Unter Umständen können sie ihm sogar nutzen. So fiel uns auf, dass junge Eichen in der Nähe einer Schafweide besonders viele Eichengallen trugen. Das könnte daran liegen, dass die Eichen, wenn sie von Schafen angefressen werden, bestimmte Lockstoffe abgeben, welche die Gallwespen anlocken und zur verstärkten Eiablage veranlassen. Die so entstandenen Gallen könnten den jungen Eichen als Fraßschutz dienen und ihnen auf diese Weise nutzen. Schafe mögen mutmaßlich keine Eichenblätter, auf denen wegen der Gallensäuren übelschmeckende Gallen (Name!) sitzen. Es ist heute gut bekannt, dass Pflanzen, wenn sie angefressen werden, solche Lockstoffe abgeben können, welche zu ihrem Nutzen die Feinde ihrer Feinde herbeirufen.

Dr. Heiko Bellmann (17. März 1950 bis 7. März 2014), kürzlich verstorbener Hochschullehrer an der Universität Ulm, Zoologe und Buchautor, war Experte in Sachen Pflanzengallen. Er vermeidet in seinem fachlich exzellenten Buch: „Geheimnisvolle Pflanzengallen“ bezeichnenderweise den Begriff Parasitismus.

Gemeinsam mit ihm kann man als Biologe ohne Probleme die Auffassung teilen, dass die Pflanzengallen „herausragende Sonderbildungen und damit gewissermaßen eine eigene organismische Welt“ darzustellen.

Darüber hinaus kann aber die Beschäftigung mit den Pflanzengallen bei gründlicher Betrachtung zu einer neuen Sicht und einem neuen Verständnis der Biologie als einer emergenten Wissenschaft der Ganzheiten, der Einheiten und des Miteinanders statt des Gegeneinanders führen. Die wichtige neue Erkenntnis lautet:

Das Füreinander schließt den Parasitismus aus.

Das wurde jedenfalls in der Grundvorlesung „Allgemeine Biologie“ an der Universität zu Köln für Lehramtsstudenten vom Autor dieses Beitrags so vertreten.

Das heute noch nicht ganz überwundene biologische Verständnis einer ganzen Epoche – wir denken dabei an die Nazi-Herrschaft – drückt sich eindeutig in der Sprache aus. Ein Beispiel aus einem Biologie-Buch, das wir in einem Beitrag zum Verhältnis von Sprache und Fachverständnis veröffentlicht hatten (Gaebert und Bannwarth, 2010):

„Die Pflanze als Produzent der organischen Stoffe ist von organische Stoffe benötigenden (heterotrophen) Organismen gleichsam umstellt. Dieser Heerschar von Feinden kann sie im Allgemeinen nur durch eine verschwenderische Überproduktion widerstehen. Nur wenige Pflanzenarten haben Maßnahmen zur Abwehr von Feinden entwickelt. Einige solcher Abwehrmaßnahmen sind die Gallen, Hexenbesen und Rosenäpfel. Ihre biologische Aufgabe ist es, den Schaden durch Parasiten auf einen engen Raum zu begrenzen“.

Es ist bezeichnenderweise von Parasiten, Feinden, Heerschar, Abwehr, Schaden die Rede, obwohl all dies nicht so gesehen werden muss und auch heute glücklicherweise nicht mehr so gesehen wird. Faktum ist: Die Galle bildet eine Einheit, eine Ganzheit, an der Tier und Pflanze zusammenwirken oder kooperieren. Das Insekt schädigt nicht die Pflanze und die Pflanze nicht das Tier. Im Gegenteil: Die Pflanze bildet ein hoch differenziertes Gebilde (Nährgewebe, Versorgungs-, Leit- und Festigungsgewebe) mit allem, was die Insektenlarve braucht. Es gibt kein Gegeneinander, sondern ein Füreinander.

Die Zeiten, in denen die Entwicklung der Organismen ausschließlich durch Kampf und Konkurrenz, durch Selektion, Vernichtung und Ausmerzung erklärt wurde, müssten eigentlich vorbei sein, denn das Füreinander schließt den Parasitismus aus. Anders ist es bei richtigen Parasiten. Die Zecken, Läuse und Wanzen schädigen den Menschen und dieser wehrt sich mit allen Mitteln. Die biologischen Wirkungen sind gegeneinander gerichtet. Die heutige Biologie versteht sich als eine emergente Wissenschaft. Das Miteinander, das Bilden von Ganzheiten und Einheiten, das Vereinigen und Verschmelzen sind wichtiger als das Gegeneinander und der Kampf.

In der Natur lebt meistens ein Lebewesen auch vom anderen, ohne dass dabei das Gegeneinander, der Kampf ums Dasein oder der Parasitismus die Beziehung der Organismen zueinander richtig kennzeichnen.

Der Embryo, der Fötus, das ungeborene Kind oder Baby parasitieren nicht im Mutterleib, obwohl es von der Mutter einseitig mit Nährstoffen versorgt wird und die Mutter mitunter unter der Schwangerschaft zu leiden hat.

Die Kuh parasitiert nicht auf der Wiese und Tiere parasitieren in der Regel nicht von Pflanzen im Sinne von Schmarotzertum, auch wenn Tiere, Pilze und Bakterien von Pflanzen leben. Besser wäre es zu erkennen, wie wichtig das Füreinander der Lebewesen ist. Wir dürfen die Natur als ein großes Miteinander, als ein Ganzes, verstehen. Nochmals, das Füreinander schließt den Parasitismus aus. Das entspricht durchaus dem Verständnis unseres zwischenmenschlichen Umgangs. Niemand würde einen Gast, für den man alles zur Bewirtung freiwillig gegeben hat, mit den Worten verabschieden: „Heute warst Du aber ein Parasit“. Selbst dann nicht, wenn der Nutzen einseitig war und der Gast nichts bezahlt hat.